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Verabschiedung alter Denk- und Handlungsmuster

"Covid19 könnte unser eigentlicher Einstieg in das 21. Jahrhundert sein. Eine Verabschiedung alter Denk- und Handlungsmuster. Ob wir das geschafft haben können dann die nach uns in 100 Jahren sagen. Wir sollten die Corona Krise auf jeden Fall nicht ungenutzt lassen und nicht klein, klein und vor allem zu kurzfristig zu denken. Jetzt ist der Zeitpunkt der Transformation, etwas wirklich Neues anzupacken."

Wie werden Entscheidungen getroffen, welche Netzwerke sind am Werk?

Katzmair: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Wir haben gesehen wie weltweit von Regierungen der Ausnahmezustand ausgerufen wurde und wie Regierungen gemeinsam mit Expertenstäben von Virologen, Ökonomen und Sicherheitskräften, Entscheidungen größter Tragweite die wirtschaftliche Aktivität und die persönlichen Freiheitsrechte betreffend, getroffen haben.

Viele dieser Maßnahmen waren offensichtlich sinnvoll und erfolgreich. Nachdem die Ausbreitung des Virus – zumindest in einigen Ländern - durch diese beschlossenen Maßnahmen halbwegs unter Kontrolle gebracht werden konnte – treten wir jetzt in eine neue Phase ein. Denn die Regierenden stehen einer komplexen, verdammt vertrackten und gefährlichen Wirklichkeit gegenüber.

Es gibt niemanden, ich betone niemanden, nicht hier in Österreich oder sonst wo in der Welt, der den vollständige nWeg kennt aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Trümmerfeld heraus, das Covid 19 hinterlässt.

Hier kommt jede Macht zurzeit an ihre Grenzen. Dieser Weg in die Zukunft ist daher auch nicht verordenbar, sondern es benötigt die kollektive Intelligenz und Kreativität jedes Einzelnen diesen Weg zu finden – die Wege entstehen im Gehen entstehen, noch nie wird dieser Spruch wahrer gewesen sein.

Und machen wir uns nicht zu viel aus Prognosen. Alle Hochrechnungen und Projektionen werden wahrscheinlich ohnedies nicht stimmen. Es kommt dann immer anders als man denkt. Und wir sollten daher nicht überrascht sein, dass es einige Überraschungen – im positiven wie negativen - geben wird in den Wochen, Monaten und Jahren, die vor uns liegen.

Wie werden wir Entscheidungen treffen? Wie kommt man zu den richtigen Informationen, wenn niemand etwas weiß?

Katzmair: Wenn man den Weg in die Zukunft nicht kennt macht man zwei Dinge. Erstens, bringe die hellsten Köpfe die du kennst: Wissenschafter, Entrepreneure, Pioniere, Macher, Künstler, Querdenker, Menschen aus der Zivilgesellschaft zusammen und verschaffe dir mit ihnen ein gemeinsames Lagebild. Je diverser die Truppe umso besser, denn die unterschiedlichen Betrachtungsweisen sind wie Medizin. Ein Arzt hat auch nicht nur ein Medikament für alle Krankheiten. So brauchen wir die verschiedensten Typen und Charakteren, um eine Kur für unsere Probleme zu finden.

Das Zweite was man macht, wenn man so eine Plattform der kreativen Köpfe zusammen hat: Initiiere Experimente, veranstaltet Hackathons, fördere Netzwerke und Innovationen. Wie machen wir in Zukunft Schule, Pflegeheime, Sportveranstaltungen, Konzerte, wie machen wir Kino „neu“? Wie machen wir Europa neu, wie unsere Sozialsysteme? Wie machen wir unsere Systeme resilienter?

Wenn wir nicht wissen wie es geht müssen wir es herausfinden, müssen lernen. Fehler dürfen nicht bestraft werden, sondern sind notwendig.

Und wichtig dabei: Gebt den einzelnen Vorgaben, Leitlinien was die Ziele anbelangt, aber innerhalb dieser Leitlinien gebt den Einzelnen Autonomie, ermächtigt und ermuntert Sie ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Die Lösungen für die Schulen werden im Bregenzer Wald anders aussehen als im dicht verbauten Wien. Das kleine Fitnessstudio wird mit seinen Kunden andere Lösungen entwickeln als eine große Fitnessstudio-Kette. Wichtig dabei ist nur, dass die Akteure vernetzt sind, voneinander lernen, also die Schulen im Bregenzer Wald mit den Schulen in Wien über Plattformen ihre Erfahrungen austauschen können und voneinander profitieren können.

Es werden jetzt täglich Politikeraussagen herausgekramt, die sich mittlerweile als falsch herausgestellt haben. Wie kommen wir von diesem Fehlerpicken zu einer Kultur des Lernens?

Katzmair: Es liegt in der Natur der Krise und des Unbekannten, dass wir irren. Wir alle hatten vor allem im Februar den erst der Lage verkannt. Zurzeit findet ein enormes Lernen statt, auch in der Medizin. Es macht wenig Sinn mit Vorwürfen zu agieren. Umgekehrt ist es Unsinn zu sagen „Alles war richtig, alles war perfekt, wir hatten immer alles im Griff“. Viel sinnvoller wäre eine offene, aktive und gemeinsame Manöverkritik: Was haben wir gelernt aus der ersten Welle? Was mache wir anders und besser, wenn die zweite Welle kommt? Das sind die richtigen Fragen in einer Situation wie der jetzigen.

Sie arbeiten an einem Think-Tank der Think-Tanks, um aus der Krise zu kommen?

Katzmair: Entscheidend in einer Situation, in der die Zukunft unklar ist, ist die Erstellung gemeinsamer Lagebilder im Hier und Jetzt, eine ausgeprägte Kultur der gemeinsamen Gegenwärtigkeit über alle Lager und Milieus hinweg- angefangen von den Virologen und Gesundheits-Cracks, den Sozialpartner und bis hin zur Blasmusikkappelle und freiwilligen Feuerwehr.

Willst du schnell gehen, gehe Alleine, willst du weit gehen, gehe gemeinsam. Der Virus wird uns noch viele Jahre beschäftigen, daher müssen wir den Weg gemeinsam gehen.

Was wir nicht brauchen ist ein zerfleischender Streit zwischen Experten, um die Lufthoheit in der Deutung der Krise. Ein Think-Tank der Think-Tanks soll dazu beitragen die besten Köpfe von Deutschland, Schweiz und Österreich und darüber hinaus einzuladen in einem engen Rhythmus immer wieder gemeinsame Lagebilder zu entwickeln und sich untereinander so zu synchronisieren, dass sie selber klüger werden und die Entscheider bessere Informationen bekommen. Wir verwenden dabei Technologien zur Entscheidungsfindung wie sie auch bei Ingenieuren zum Einsatz kommen. Das sind ganz neue Techniken und Wege wie wir hier die Klugheit der einzelnen so zusammenbringen, dass das ganze größer ist als die Summe seiner Teile ist. Ich bin hier nicht naiv – der Machtkampf um die wahrhafte, einzig richtige Deutung und Maßnahme wird weitergehen, aber wir wollen hier eine Koalition jener schaffen, die sich nicht am Kampf um die Besserwisserei beteiligen wollen, sondern die aus alten Denk- und Handlungspfaden der Vergangenheit ausbrechen wollen.   

Wird unser Leben wieder gleich wie vorher?

Katzmair: Wir alle ertappen uns dieser Tage in dem was wir die Sentimentalitätsfalle nennen: Es wird irgendwie wieder so wie vorher. 2008 ist ja die Welt auch nicht untergegangen.

Wir hatten 2008 600 Betriebe in Kurzarbeit, heute sind es schon über 42.000. Das ist eine völlig andere Größenordnung.

Das ist keine Standardkrise, die zum Status Quo vor der Krise zurückführt. Wir werden für Jahre mit diesem Virus leben. Die Friseure, das Fitnessstudio, die Schulen, die Pflegeheime, die Kinos, der öffentliche Verkehr, der Tourismus, die Behörden. Hier wird es massive Transformationen geben.

Auch unsere Sozialsysteme, unser Föderalismus, ja Europa werden anders sein. Werden sie nicht anders sein, werden sie nicht überleben, ganz einfach.

Kann unser Wirtschaftssystem gleich weitermachen?

Katzmair: Die Wirtschaft ist wie ein Fahrrad. Wenn es an Schwung verliert fällt es um. Das wichtige an einer Wirtschaft ist der Flow.

Noch nie haben alle Länder der Welt gesagt: Wir bringen jetzt unsere Produktion zurück ins Land, wir wollen weniger abhängig sein. Noch nie haben alle gesagt: Wir wollen uns wieder mehr auf uns selber konzentrieren. Wir machen jetzt wieder Urlaub bei uns zuhause.

Was heißt das für ein exportorientiertes Land, das 6 von 10 Euros im Export verdient?

Was heißt das für ein Tourismusland, dass davon abhängt das Gäste aus dem Ausland kommen?

Was heißt das für die Kosten? Die Sachen wurden ja im Ausland produziert, weil sie dort billiger waren? Wenn wir das jetzt bei uns machen: heißt, dass das alles teurer wird und viele sich Sachen nicht mehr leisten können? Oder das bei uns die Löhne sinken müssen? Was sind die Implikationen von: jetzt werden wir wieder autark und machen alles selber.

Das ist eine systemische Krise eines weltweiten Systems. Eine systemische Krise kann nur systemisch, das heißt gemeinsam gelöst werden. Für uns heißt das zumindest europäisch, da 80 % des Handels innerhalb von Europa stattfindet.

Wenn wir jetzt Europa verlieren, wenn wir jetzt nicht Europäisch werden, sieht es düster aus mit unserer Wirtschaft.

Wird es noch Geld und Energie geben, um die Klimakrise zu bewältigen?

Katzmair: Auch der Weg aus der Klimakrise ist ein unbekannter Weg. Das ist das gemeinsame zwischen Covid19 und der Erderhitzung. Und während wir hier reden ist es draußen so trocken wie noch nie, hatten wir den wärmsten Winter in der Messgeschichte. Der Klimawandel ist nicht beendet nur weil wir jetzt zuhause hocken und nicht fliegen.

Wir sind durch Covid 19 gezwungen Dinge zu lernen, die wir gleichermaßen für die Abwendung der totalen Überhitzung unseres Planeten benötigen. Es sind dieselben Tugenden und dasselbe Mindset das wir benötigen:

  • Eine Kultur gemeinsamer Lern- und Entwicklungsplattformen quer über alle Bereiche

  • Eine Kultur der Fähigkeit gemeinsame Lagebilder zu entwickeln.

  • Eine Kultur der Neugierde, des Mutes und der Innovation

  • Eine postideologische Kultur die den Staat, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft gleichermaßen stärkt und lernfähig macht.

  • Eine Kultur in der wir uns als Weggefährten begegnen und nicht als Feinde.

Sollten wir uns verzwergen und das Miteinander in ein Gegeneinander von wilden, ideologischen Verteilungskämpfen abgleiten, sollten wir uns alle in unsere Mikroregionen zurückziehen und der Neusiedler See nur den Neusiedlersee Bewohnern, und der Bodensee nur den Bodensee Bewohnern zugänglich bleiben haben wir verloren.

Wir können die wirtschaftlichen und ökologischen Probleme nicht lösen, wenn wir fragmentiert, polarisiert und zerstritten sind und einander bekämpfen. Übrigens auch ein Auftrag an die Sozialpartner sich hier neu zu erfinden und eine neue Kultur der gemeinsamen Innovation zu gehen.

Wir müssen den Mut haben groß zu denken: Stellen wir uns das Ende dieses Jahrhunderts das Jahr 2100, das Jahr, wenn unsere Kinder bzw. Enkelkinder im Rentenalter sind. Um die katastrophalsten Wirkungen der globale Erderhitzung abzuwenden schätzt die Europäische Kommission das 20 % des BIPS in die Hände genommen werden müssen.

Das Geld, das wir jetzt Investieren sollte vor dem Hintergrund dieses ganzen Jahrhunderts gesehen werden. Das sollte unser Diskontierungszeitraum sein. Und daher wäre es Unvernünftig diese Investitionen nicht für die Erneuerung unserer Energie- und Verkehrssysteme, unserer Infrastruktur, unsere Städte und Regionen in Richtung resilienter, nachhaltiger, klimaneutraler Systeme und Lösungen, zu nutzen.

Covid19 könnte unser eigentlicher Einstieg in das 21. Jahrhundert sein. Eine Verabschiedung alter Denk- und Handlungsmuster. Ob wir das geschafft haben können dann die nach uns in 100 Jahren sagen. Wir sollten die Corona Krise auf jeden Fall nicht ungenutzt lassen und nicht klein, klein und vor allem zu kurzfristig zu denken. Jetzt ist der Zeitpunkt der Transformation, etwas wirklich Neues anzupacken.